Die Dokumentation „Bleicherode um 1900

 

Aus der Geschichte unserer Stadt wird im Heimatmuseum viel gezeigt. Dort befindet sich auch eine Sammlung von alten Fotos, auf denen Häuser, Straßen und Begebenheiten aus alter Zeit dargestellt sind. Sie kann nicht jederzeit zugänglich sein und ermöglicht keinen geordneten Überblick über die Gesamtstadt. So entstand das Projekt, im Stallbau die Wände mit einer geordneten Folge von Großansichten der Stadt um 1900 zu dekorieren. Diese Zeit erschien besonders geeignet, weil in ihr heute noch vorhandene Fotos und Ansichtskarten entstanden und die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt ein hohes Niveau erreicht hatte. Auch das Kaliwerk befand sich im erfolgreichen Aufbau.

 

In dieser Zeit entstanden zahlreiche stattliche Bürgerhäuser, die noch heute das Stadtbild prägen. Als Kleinstadt mit gesunder Wirtschaftsstruktur, starkem Mittelstand, sehr aktivem Bürgertum und vielfältigen kulturellen Aktivitäten verfügte das wohlhabende Bleicherode über eine beachtliche Lebensqualität. Toleranz, Respekt, Behaglichkeit und bürgerliche Ordnung bestimmten das Leben in einer landschaftlich schönen Umgebung. Diese Stadt besteht nicht mehr. Wirtschaft und Bevölkerungsstruktur haben sich nach 1945 massiv verändert. Der Vergleich mit den heutigen Verhältnissen und die Ursachenklärung führen zu wertvollen lokalhistorischen und allgemeinen Erkenntnissen auf dem Gebiet der Stadtentwicklung und der nationalen Geschichte.

 

Der 1. Weltkrieg 1914-18 mit der folgenden Inflation und die Wirtschaftskrise 1929 leiteten das Ende dieser stabilen Verhältnisse ein. Die Nazizeit zeigte auch in Bleicherode das obrigkeitsstaatliche Gesicht der Diktatur. Der schon früher geplante Bau der Kirchstraße erfolgte gleich nach 1933. Der 2. Weltkrieg 1939 -45 berührte die Stadt wenig. Nach dem Zusammenbruch 1945 veranlasste das sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem der DDR den Abriss der Untermühle und ihrer Randbebauung an der Löwentorstraße. Ebenso den Bau der Naumannstraße mit dem Abriss der dort stehenden und den Kirchplatz eingrenzenden Häuser. Hinzu kam die Sozialisierung der in der Stadt liegenden ca. 30 Landwirtschaftsbetriebe, die letztlich zur Auslagerung der Landwirtschaft an den Stadtrand führte. Von Bedeutung ist für diese Zeit auch der starke Rückgang der Gastronomiebetriebe und Hotels. Die Bebauung mit Wohnblöcken zwischen Löwentorstraße und altem Bahnhof sowie zwischen Kirchplatz und Angerbergstraße berührte das alte Stadtbild weniger. Zahlreiche Bürger verließen wegen der politischen Verhältnisse die Stadt. Am Ende der DDR hatten Stadtbild, Struktur  und Leben einen völlig anderen Charakter als um 1900. Das mit dem Zusammenbruch der DDR einhergehende Ende der Webereibetriebe und des Kaliwerks war ein Rückschlag für die Stadtentwicklung, der bis heute nicht aufgeholt werden konnte.

 

Die Bildsammlung ist so aufgebaut, dass sie einem Gang durch die Stadt von West nach Ost entlang der Haupt-und Bahnhofstraße ähnelt und dabei auch die südlichen und nördlichen Abzweigungen aufnimmt. Die Einbeziehung des Schicksals des Kriegerdenkmals von 1925 am Rathaus erklärt sich aus den ungewöhnlichen Umständen, die zur Entstehung und Vernichtung des Denkmals führten, und der Einmaligkeit der Fotos.

 

Die mehr als 450 Ansichten wurde vom Heimatmuseum und von Kartensammlern zur Verfügung gestellt.